
Interview über Ethno-Marketing mit Eva Nieuweboer geb. Neumann, geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur Causales aus Berlin
Wir werden älter, bunter und weniger. Gerade Kultureinrichtungen müssen sich den Herausforderungen des demografischen Wandels stellen und die Bedürfnisse von wachsenden Zielgruppen in ihre Produkt- und Markenkommunikation einbeziehen. Eva Nieuweboer ist geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur Causales und hat innerhalb ihres berufsbegleitenden Studiums an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) ihre Masterarbeit zum Thema Ethnomarketing verfasst.
Das Gespräch führte Veronika Schuster,
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KM Magazin: Frau Neumann, können Sie unseren Lesern kurz erläutern, was man sich unter dem Begriff Ethno-Marketing vorstellen muss? Und warum eine Beschäftigung mit diesem Thema unumgänglich werden wird?
Eva Neumann: Ethno-Marketing richtet sich nach den Bedürfnissen eines Teilmarktes aus, also an einem bestimmten Zielgruppen-Klientel. Beim Ethno-Marketing betrifft das Gruppen aus verschiedenen Herkunftsländern, die in ein anderes Land, wie z. B. Deutschland, eingewandert sind, oder auch bereits deren Nachkommen. Dabei werden deren ganz eigenen Lebensstile, Konsumgewohnheiten, Familien- und Bildungsstand berücksichtigt, um daraus eine Marktbearbeitung zu ermöglichen, die wirtschaftlich sinnvoll ist. Viele Menschen haben mich gefragt, ob ich mir diesen Begriff ausgedacht hätte oder ob er politisch korrekt sei. Ethno-Marketing ist ein absolut wertneutraler Marketingbegriff, der in der Wirtschafts- und Agentur-Landschaft bereits angekommen ist – nur im Kulturmarkt ist er eben noch neu.
KM: Der Begriff ist ja nicht nur neu, sondern betrifft eine Zielgruppe, die immer noch – und das überraschenderweise – im praktizierten Kulturmarketing wenig Beachtung findet. Wie geht man mit der Vielzahl von verschiedensten Ethnien, die in Deutschland leben, um? Es sind ja nicht nur die kulturellen Unterschiede, sondern wie Sie bereits angedeutet haben, spalten sich diese Gruppen wiederum in mehrere Generationen, mit höchst unterschiedlichen Ansprüchen.
EN: Das ist richtig. Zum ersten Teil Ihrer Frage: Die größte Herkunftsgruppe
ist nicht, wie meist angenommen, die türkischsprachige Gruppe, sondern
die russischsprachige. Es leben ca. 4 Millionen Aussiedler in Deutschland.
Aussiedler sind russischsprachige Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft,
davon sind ca. 99 % aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert.
Die zweitgrößte Gruppe sind die Türken mit 2,8 Millionen, weit abgeschlagen
folgen Migranten aus den EU-Ländern. Die türkischsprachige Zielgruppe lebt
am längsten hier in Deutschland, und zwar bereits in der dritten Generation.
Diese denkt und lebt natürlich anders als noch die Generation ihrer Eltern
oder Großeltern. Sie wandeln zwischen zwei kulturellen und sprachlichen
Welten, meist sind sie mindestens bi- wenn nicht sogar trinational. Gerade
sie sind unheimlich schwer zu fassen und nicht in eine Schublade zu verfrachten.
KM: Welches sind damit die wichtigen Schwerpunkte beim Aufbau eines nachhaltigen Ethno-Marketings? Welche Instrumente sind maßgeblich daran beteiligt? Man kann sich vorstellen, dass hier die Analyse der Zielgruppe von besonderer Bedeutung ist.
EN: Genau das ist der Ansatz. Die Kultureinrichtung muss ihre Zielgruppe genau analysieren und beurteilen, ob diese für sie überhaupt das erhoffte Potenzial bietet. Lohnt es sich wirklich Ethno-Marketing zu betreiben? Und das nicht nur, weil es momentan politisch gern gesehen und gesellschaftlich erwartet wird. Wichtige Fragen sind: Wie viele Migranten leben im Einzugsgebiet? Aus welchem Herkunftsland kommen diese? Welche Bedürfnisse haben sie? Welche Lebensumstände? – Familien- und Bildungsstand, Einkommen etc. Man muss abschätzen, ob das kulturelle Angebot zu deren Bedürfnissen passt oder ob die Möglichkeit besteht, das Angebot anzugleichen. Welche versteckten Potenziale liegen denn z. B. in der Ausstellungsweise oder im Theaterprogramm, die diese Zielgruppe berühren könnten? Ein Beispiel wären die reichhaltigen Sammlungen in deutschen Museen, die oft genug eine wahre Fülle an internationalem Kulturgut bewahren. Hier vor allem Kunst aus dem Osmanischen Reich. Das sind schlummernde Potenziale, die geweckt werden könnten. Die wichtigsten Marketing-Instrumente, um auf Ihre zweite Frage einzugehen, sind vor allem die Netzwerke, d. h. Lobby-, Interessen- und Religionsvereinigungen, die sehr eng mit den Zielgruppen verzahnt sind. Auch die Botschaften stellen wunderbare Multiplikatoren und Kooperationspartner für verschiedenste Veranstaltungen dar.
KM: Welches sind weitere Instrumente – über die Netzwerke hinaus?
EN: Kultureinrichtungen nutzen bisher die klassischen Medien wie Flyer und Plakate, um darauf in der Herkunftssprache der Migranten zu kommunizieren. Hier ist es besonders wichtig, sich der Bildsprache anzupassen. In Gesprächen mit Kultureinrichtungen habe ich erfahren, dass die türkische Community wirkungsvoll angesprochen werden kann, wenn man Stars in großem Portrait abbildet. Im Gegensatz z. B. zu der deutschen Zielgruppe, bei der ein Name häufig reicht. Im Rahmen des Ethno-Marketings sind andere visuelle Ansprachen nötig. Natürlich können die Migranten Deutsch, aber sie fühlen sich als Zielgruppe wahr- und ernstgenommen, wenn man ihnen zeigt, dass man genau sie als Besucher gewinnen möchte. Es geht dabei nicht darum, es ihnen einfach und bequem zu machen, sondern es ist symbolisch zu verstehen.
KM: Bleibt die Frage, ob es nicht zu plakativ, bzw. zu einfach gedacht wäre, einfach nur eine der Zielgruppe angepasste Sprache zu verwenden?
EN: Das ist absolut richtig. Die Netzwerke sind immer das "A und O". Sie sind die bevorzugten Organe, ihre Verteiler, Medien wie Newsletter oder Pressemitteilungen erschließen die erwünschte Zielgruppe. Besonders wichtig: die fremdsprachigen Medien und Zeitungen, die mittlerweile sehr hohe Auflagen in Deutschland publizieren. Diese sollte man, wenn möglich, unbedingt als Medienpartner gewinnen. Die Zusammenarbeit einer soziokulturellen Einrichtung in Berlin mit einer großen türkischsprachigen Tageszeitung verlief völlig anders als bei uns üblich. Die türkischen Medien sind, praktisch gesagt, in der Zusammenarbeit kurzfristiger orientiert. Es ist dabei wichtig, schnell reagieren zu können und jemanden in der Presseabteilung zu haben, der deren Sprache spricht bzw. aus deren Community stammt. Es gibt einige Orchester und Theater, die für diese anspruchsvolle Aufgabe Freelancer, mit genau diesen Anforderungen, beauftragen. Es geht natürlich nicht allein um Kommunikation beim Ethno-Marketing. Es gibt eine aktuelle Studie des Zentrums für Audience Develpoment (ZAD) am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin, die im November 2009 erschienen ist mit dem Titel "Migranten als Publika von öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen" und die den aktuellen Status Quo aus Sicht der Angebotsseite widerspiegelt. Sehr interessant ist, dass das wichtigste Instrument der Kultureinrichtungen das Arbeiten mit den Produkten ist -- sie also eine Anpassung der kulturellen Dienstleistungen vornehmen.
KM: Gibt es Kultureinrichtungen, national oder international, die dieses Instrument Ethno-Marketing bewusst einsetzen? Also nicht nur in einem Aufwasch vielleicht noch die eine oder andere Lobby-Gruppe mit in den Verteiler nehmen.
EN: Ein Beispiel ist die Rundfunk Orchester und Chöre GmbH Berlin (ROC), die gezielt
Konzertveranstaltungen für iranische oder persische Zielgruppen mit deren
Musik organisieren. Ein anderes Beispiel sind die Berliner Philharmoniker, die
seit 2007 ebenfalls eine ähnliche Konzertreihe, "Alla turca", betreiben. Sie
laden deutsche und z. B. türkische Musiker ein, die jeweils einen Teil des
Programms mit ihrer Musik gestalten. Das Finale bestreiten die Nationalitäten
gemeinsam. Ich habe nie zuvor in der Philharmonie die Menschen auf
den Rängen tanzen sehen, wie es bei diesem Konzert geschehen ist! Im Theater
funktioniert das genauso, besonders mit Stücken, welche die junge
Migrantengeneration berühren, die dieses "zwischen den Stühlen sitzen"
aufgreifen, wie zum Beispiel das Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg.
Auch in der Filmwirtschaft, wie z.B. in den Filmen des Regisseurs Fatih Akin,
zeigt sich, dass Interesse an diesen Themen besteht.
KM: Das sind natürlich sehr positive, engagierte Beispiele. Aber es hört sich ja beinahe so an, als wäre es bereits ein flächendeckender Usus? Worin liegen denn die Herausforderungen, die noch so viele Kultureinrichtungen scheuen?
EN: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich möchte die Situation natürlich nicht zu positiv darstellen, denn so ist es nicht. Nur 9 % der Kultureinrich- tungen, die ein Angebot für Migranten bereitstellen, haben auch ein Konzept dahinter stehen. Vieles funktioniert noch nach der Trial- and- Error-Methode - wenn man es überhaupt versucht. Die bereits erwähnte ZAD-Studie gibt an, dass sich 50 % der befragten Einrichtungen mit dem Thema auseinandersetzen, den Migranten ein Angebot bieten oder es in Zukunft tun möchten. Diese Zahl fällt aber mitunter deshalb so hoch aus, weil Kultureinrichtungen diese Ziele des öffentlichen Drucks wegen angeben und es sich leider um keine Grundeinstellung handelt. Diese selbstverständliche Bereitschaft muss erheblich intensiviert werden, insbesondere im Museumsbereich. Theater, Orchester und Opern sind laut dieser Umfrage schon sehr aktiv, vor allem natürlich in den Großstädten bzw. Ballungsräumen, die eine ganz andere Ausgangssituation haben. Aber besonders die Museen scheuen sich davor.
KM: An diesem Punkt würden sehr viele Museen damit argumentieren, dass sie mit einer bestimmten Sammlung arbeiten müssen und daher ihr Produkt nicht im Wesentlichen verändern können...
EN: Das mag richtig sein. Aber man kann neben dem marketingtechnisch unveränderlichen Kernprodukt viel sensibler beobachten, was vielleicht darüber hinaus möglich ist. Natürlich kann ein Bestand von Kunstwerken aus einer anderen Sicht betrachtet oder in einen internationalen Vergleich gestellt werden. Was natürlich die intensive Beschäftigung mit dem Thema unter anderen Vorzeichen voraussetzt. Aber, und das wird noch nicht ausreichend genutzt, die museumspädagogischen Angebote bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Migrantengruppen anzusprechen. Die meisten aktiven Kultureinrichtungen sind sich des demographischen Wandels, dem wir in Deutschland ausgesetzt sind, bewusst. Und sie sind sich im Klaren, dass sie in anderen Zielgruppensegmenten noch wachsen können - besonders in den Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, Hamburg, Berlin oder Frankfurt am Main.
Wichtig dabei ist: Die Kultureinrichtungen sollten Ethno-Marketing nicht aus dem Bauch heraus betreiben, sondern sie sollten fachlich wie auch intern die Voraussetzungen schaffen, dass es professionell und somit nachhaltig durchgeführt werden kann. Es dürfen dabei keine Zielgruppen künstlich konstruiert werden! Nicht jeder türkische Migrant, möchte auch als Türke bzw. Migrant angesprochen werden, weil er sich vielleicht als Deutscher versteht und so auch wahrgenommen werden möchte. Gerade am Beispiel der dritten Generation der Türken kann man dies deutlich machen: Sie fühlen sich nicht als Türken, weil ihre Eltern aus der Türkei stammen. Sie sind hier geboren und aufgewachsen, haben ihre wesentliche Sozialisierung in Deutschland erfahren. Sie befinden sich in einem richtigen Culture-Clash, mit dem man erst lernen muss, umzugehen. Es ist ein sehr sensibles und vor allem labiles Thema. Das heißt, bei allen Beteiligten muss ein gewisses Gespür und Empathie für andere Kulturen und deren Bedürfnisse vorhanden sein. Das Personal, vor allem der Teil, der nach außen hin agiert, muss diese Einstellung teilen. Es darf nicht sein, dass bestimmte Gruppen arrogant und von oben herab behandelt werden. Da hilft dann auch das beste Ethno-Marketing- Konzept nichts. Darin liegen die Herausforderungen im Ethno-Marketing, genau diese Sensibilitäten zu berücksichtigen.
KM: Frau Neumann, ich bedanke mich für dieses Gespräch.
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