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Thomas Girst über Kulturförderung bei BMW

Thomas Girst, Sprecher Kommunikation BMW Group Thomas Girst, verantwortlich für die Kulturkommunikation der BMW Group, möchte durch die Auswahl von Kooperationen Akzente setzen, die „thematisch herausfordern und inhaltlich überzeugen“. Kulturkommunikation, das heißt für BMW engagierter Austausch mit einem weiten Spektrum kultureller Aktivitäten, global wie lokal. Hierbei sollen nicht nur die Mitarbeiter sondern auch eine breite Öffentlichkeit an dem vielfältigen Angebot teilhaben können.

Laura Wurster hat Thomas Girst in München getroffen, um mit ihm über Kulturförderung bei BMW, die kreative Vernetzung von Kultur und Wirtschaft sowie neue Kulturprojekte zu sprechen.

Wurster: Bereits seit 30 Jahren fördert die BMW Group ein breites Spektrum kreativer und kultureller Aktivitäten. Der große Enthusiasmus für Zeitgenössische Kunst, aber auch Musik, Design und Architektur ist Programm. Weltweit unterstützt die BMW Group weit über 100 Projekte. Worauf legen Sie den Schwerpunkt bei der Kulturförderung?

Girst: Strategisch sind die Koordinaten unseres Engagements mit den von Ihnen benannten Genres abgesteckt. Dabei kann man mit 100.000 Euro sehr viel falsch und mit 10.000 Euro sehr viel richtig machen. Der kulturelle Kanon singt international vielstimmig wie heterogen. „Oper“ bedeutet in Amerika etwas anderes als in Europa – und in China noch einmal etwas ganz verschiedenes. Regionale Differenzen gilt es also unbedingt zu berücksichtigen. Oft wissen die Kollegen vor Ort besser Bescheid als wir in der Münchner Zentrale, was die Sinnhaftigkeit eines Engagements in ihrem Land angeht. Schwerpunkte werden also dialogisch festgelegt und sich auch der Etat entsprechend geteilt. Ich sprach eingangs von Unternehmensstrategie. Diese muss jeden einzelnen Mitarbeiter mehr leiten als dessen persönliche Affinitäten. „Zeig‘ mir Deine Hobbies und ich zeig‘ Dir Dein Engagement“ – so etwas darf nicht passieren.

Wurster: Worin besteht für BMW der Nutzen in der konkreten Vernetzung mit der Kultur?

Girst: Ganz klar und nicht hinter vorgehaltener Hand: um den Imagetransfer. „Money is the curse of art“ hat William Blake um 1820 mal an die Seite seiner Abzeichnung des Laokoon geschrieben. Bei uns als Förderer seiner Verleger oder der Häuser, die seine Ausstellungen zeigen hätte er sich trotzdem wohlgefühlt, da darf ich überzeugt sein. Im Idealfall wird BMW als Förderer derart wahrgenommen, das man am dezent platzierten Logo auch den hohen Qualitätsanspruch einer Veranstaltung erkennt, unser Firmensignet als Prädikat und Gütesiegel für Anspruchsvolles auf höchstem Niveau versteht. Und ganz ehrlich, wenn Kaufentscheidungen soziale Entscheidungen geworden sind, wenn der emotionale Mehrwert entscheidend wird für den Erwerb eines Produkts, dann ist fernab von Eventfeuerwerken kulturelle Förderung als über viele Jahrzehnte hin gewachsener Teil der DNA der Unternehmenskultur in diesem Zusammenhang eine durchaus auch strategisch sinnhafte Tätigkeit.

Wurster: Bei Ihren Engagements setzen Sie „auf die absolute Freiheit des kreativen Potentials“. Warum passen insbesondere innovative und kreative Projekte zu BMW? Kennt Ihre Förderung auch Grenzen?

Girst: Zunächst wollen wir die etwa 3000 im Jahr bei uns eingehenden Anfragen nicht inhaltlich bewerten, was uns meines Erachtens auch nicht zusteht. Die Partner im Kulturbereich, mit denen wir langfristig und nachhaltig zusammen arbeiten fällen ganz allein alle künstlerischen Entscheidungen. Weswegen wir außerhalb der BMW Art Car Reihe auch keine Einzelkünstler fördern, das ist ganz allein Aufgabe der Museen, der Opernhäuser und Theater. Der von Ihnen zitierte Satz ist mir außerordentlich wichtig, nur so ist meines Erachtens glaubwürdige Kulturförderung von Unternehmensseite überhaupt erst möglich. In Gänze zitiert vermag er auch eine wichtige und ernsthafte Verbindung von Kunst und Wirtschaft aufzuzeigen: „Immer dann, wenn die BMW Group sich kulturell engagiert, setzt sie voll auf die absolute Freiheit des kreativen Potentials - die in der Kunst genauso Garant für bahnbrechende Werke ist wie sie für die wichtigsten Innovationen in einem erfolgreichen Wirtschaftsunternehmen steht.“

Wurster: Independent Collectors wurde im Juni 2008 als weltweit erste Online-Plattform für Sammler Zeitgenössischer Kunst ins Leben gerufen. Sinn der Plattform liegt in der Vernetzung der Sammler untereinander. 450 private Ausstellungen, von denen die meisten für Jedermann zugänglich sind, machen die Webesite für alle Anhänger Zeitgenössischer Kunst reizvoll. Seit Mitte Juni 2009 unterstützt BMW die Independent Collectors exklusiv als „Global Partner“. Herr Girst, Independent Collectors forciert die Vernetzung und den Austausch von Kunstsammlern und Kunstinteressierten. Was verbindet die BMW Group mit dem Projekt?

Girst: Wir sehen das als virtuelle Erweiterung dessen, was wir mit unserem jahrelangen Engagement auf international wichtigen Kunstmessen wie der Art Basel, Art Basel Miami Beach, der FRIEZE in London aber auch der Fiac, Paris Photo und der Jo’burg Art Fair in Südafrika erreicht haben. In einem wichtigen Segment führend zu sein und Visibilität wie Präsenz für unsere Marke selber zu schaffen ist hier von Bedeutung. Fördern wir eine per Defintion kommerzielle Kunstmesse, dann treten wir dort mit unseren Produkten via den VIP Shuttle auf. Fördern wir die Berlin Biennale, dann gibt es Produktionsfahrzeuge für die Partner aber wir beschränken unsere Präsenz auf die Förderung eines internationalen Jungkuratorenworkshops.

Wurster: Im Juli 2009 startet in Kooperation mit Independent Collectors die Kurzfilmreihe „Art Expeditions“, an deren Entwicklung BMW aktiv mitgewirkt hat. Um was für ein Projekt handelt es sich hierbei? Wie wichtig ist für BMW die Mitgestaltung an kreativen und attraktiven Inhalten?

Girst: Unterschätzen Sie nicht die Entscheidung darüber, mit wem wir zusammen gehen, das ist die einzige Entscheidung, die wir alleine fällen. Die tatsächliche Mitgestaltung ist wie bereits dargestellt unerheblich. Andererseits kann es natürlich sein, dass man uns fragt oder sich das im Dialog mit den Partnern ergibt. Schauen Sie, im Kulturbereich haben wir aufgrund unserer zahlreichen Kooperationen ein weltweites Netzwerk fester Partner. Darüberhinaus verfügen wir über bestes Know-How, was Prozesse anbelangt – wie sie beispielsweise beim Launch eines neuen Automobils zum Tragen kommen. Um ein neues Format im Kulturbereich zu etablieren, bekannt zu machen und zum Erfolg zu führen, greifen seitens Vermarktung und PR ähnliche Arbeitsabläufe. Hier können wir im Austausch helfen und Input geben, unsere Partner weltweit um wertvolle Hinweise bitten und so erwünscht, Vernetzungen herstellen. Das ist eine Herausforderung aber seien wir ehrlich, man liebt es doch an seinen Aufgaben zu wachsen.

Wurster: Wie kann so ein kreativer Input von BMW aussehen? Kann die Wirtschaft aktiv dazu beitragen kreative Prozesse in der Kultur zu fördern?

Girst: Sie haben es selbst erwähnt: Unsere Partner haben hinsichtlich der Inhalte und der Programmgestaltung absolute kreative Freiheit - die einzige Art sich von Unternehmensseite her glaubwürdig wie nachhaltig im Kulturbereich zu engagieren ist die der Nichteinmischung. Vielleicht hätte das vor ein paar Jahren noch allzu ketzerisch geklungen, aber wir können helfen, Kreativität in den Prozessen zu befördern. Auch eine Kulturinstitution sollte sich der Übung unterziehen, sich selber als „brand“, als Marke, wahrzunehmen. Oft sind diese Jahrhunderte älter als jedweder potentielle Sponsor. Für die eigene Argumentation, für das Wissen darum, was man wirklich will und wie weit man gehen möchte, lohnt sich die Betrachtung von Außen oft mehr als die selbstreferentielle Innensicht.

Wurster: „Intelligente Menschen bringen heutzutage mehr als jede noch so raffinierte Logo-Platzierung. Wir haben es hier mit kritischen Meinungsführern zu tun, und genau dieser Dialog reizt uns bei BMW natürlich sehr.“ Dieses Zitat stammt von Ihnen. Herr Girst, wie kann ein solcher Dialog gestaltet sein?

Girst: Zumindest nicht nur als Behauptung auf dem Papier, weil es sich allzu schön anhört. Der erste Satz des Zitats mutet seines Zusammenhangs beraubt fast zu berechnend an. Aber na klar, im Kulturbereich tummeln sich hochintelligente, „sophisticated“ Menschen – sehen Sie mir den Anglizismus nach. Omnipräsentes Werbetrommelrühren seitens des Sponsors und marktschreierische Kausalitätsketten, die den Zusammenhang zwischen Kulturengagement und Wirtschaftsunternehmen an den Haaren herbeiziehen, wirken da zurecht abstoßend. Souveränität heißt Subtilität. Und echter Dialog ist, wenn der Chefdesigner von BMW den Ausstellungskatalog zu Olafur Eliassons 16. BMW Art Car zur Pflichtlektüre für die Mitarbeiter all seiner Abteilungen macht und der wichtigste internationale Künstler bei seiner Arbeit über Jahre hinweg den Austausch zu unseren Ingenieuren, Gestaltern und Entwicklern sucht. Dialog ist Wissenstransfer, ein Lernprozess bei engem Kooperieren. Nur was intellektuell stimuliert, herausfordert, viel Arbeit macht, sich einen selber hinterfragen und zunächst vor lauter Kühen auf dem Eis wie toll gen Himmel schreien lässt, letztlich aber zum Erfolg führt, nur das bereitet doch wirkliche Freude.

Wurster: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Girst.

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