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Das Märchen von Görlitz

Interview mit Joachim Paulick, OB der Stadt Görlitz

Joachim Paulick, OB der Stadt GörlitzMit beinahe 4.000 erhaltenen Baudenkmälern und einer gotisch, renaissancezeitlich und barock geprägten Altstadt weist Görlitz eines der besterhaltensten historischen Stadtbilder Deutschlands auf. Seit 1990 bemüht sich die ostdeutsche Stadt um den Erhalt und die Sanierung der Bauten und Denkmäler, ein maßgeblicher Teil der Finanzierung läuft über die „Altstadtmillion“. Seit 1995 lässt ein anonymer Spender der Stadt Görlitz jährlich 511.500 Euro zukommen – vor der Währungsumstellung genau 1 Million DM. Mehr als 500 Objekte profitierten bereits von der Großzügigkeit des Spenders, weitere sollen folgen. Vorausgesetzt die Anonymität des Gönners bleibt gewahrt.

Causales sprach mit dem Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick über den namenlosen Geldsegen.

Causales: Sehr geehrter Herr Paulick, seit nunmehr 15 Jahren fließt das anonyme Geld nach Görlitz. Mit welchen Auflagen und Bestimmungen seitens des Gönners sind die jährlichen Spenden verbunden?

Paulick: Görlitz hat im Januar dieses Jahres seine 16. „Altstadt-Million“ erhalten, dieser Begriff wurde zu DM-Zeiten geprägt. Heute sind es rund 511.000 Euro.
Die Spenderin/ Der Spender hat von Anfang an deutlich gemacht, dass er nicht öffentlich bekannt werden möchte. Die Stadt ist aufgefordert, nichts dahingehend zu unternehmen, seine Identität ausfindig zu machen. Wir respektieren ihren/ seinen Wunsch, anonym bleiben zu wollen.  Es ist so viel spannender, weil niemand von uns weiß, wie lange diese Quelle sprudelt. Und das hat seinen ganz eigenen Reiz, wie wir über die Jahre feststellen konnten. Es ist immer eine besondere Überraschung, wenn vorab per Fax die Überweisung angekündigt wird und darüber freuen wir uns riesig.

Causales: Weshalb, glauben Sie, beharrt der Spender auf der Wahrung seiner Identität? Welche Beweggründe vermuten Sie hinter seiner Großzügigkeit ausgerechnet Görlitz gegenüber?

Paulick: Über die Identität und die Beweggründe der Stifterin/ des Stifters können wir nur spekulieren. Die Vorstellung ist bei jedem sicherlich sehr unterschiedlich ausgeprägt – sie reicht von einer älteren Dame über einen älteren Herrn … Zumindest muss es jedoch eine sehr vermögende Person sein, die Görlitz über alle Maßen liebt, sich dieser Stadt eng verbunden fühlt und ihr Gutes tun möchte. Anders wäre eine solch langjährige Unterstützung kaum denkbar.
Über solch einen Zeitraum und völlig uneigennützig, denn die Spenderin/ der Spender möchte dafür nicht einmal eine Spendenquittung. Es ist immer wieder unglaublich, deshalb bezeichne ich die Geschichte oft auch als „Das Märchen von Görlitz“. Immer, wenn ich Besucher im Rathaus empfange, gehört der herzliche Dank an die großzügige Spenderin/ den großzügigen Spender dazu. Ich bin überzeugt davon, dass sie/ er manchmal Görlitz besucht und durch die Straßen geht, um sich selbst vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, wie sich Görlitz entwickelt. Und offensichtlich ist er zufrieden mit dem, was wir vor Ort mit dem Geld anfangen.

Causales: Mit der Verwaltung und Verteilung der „Altstadtmillion“ ist die Altstadtstiftung betraut. Nach welcher Maßgabe erfolgt die Verteilung des Geldes auf die einzelnen geförderten Projekte?

Paulick: Die Altstadtstiftung nimmt die Förderanträge entgegen und erarbeitet eine Vorschlagsliste für die förderungswürdigen Projekte. Grundvoraussetzung ist, dass die Objekte, die bedacht werden sollen, innerhalb der Stadtgrenzen von Görlitz liegen. Jeder Antrag wird geprüft und gewertet, dann entscheidet das Kuratorium der Altstadtstiftung über die Vergabe der Mittel.
Gewährt werden können Zuwendungen für Maßnahmen, die dem Schutz und der Pflege von Kulturdenkmalen dienen. Dazu gehören die Instandhaltung, Reparatur, Renovierung, Restaurierung, Instandsetzung, Sanierung, Konservierung, Ergänzung oder Vervollständigung eines Denkmals, aber auch dokumentierende Maßnahmen oder konzeptionelle Arbeiten werden gefördert.
Dies setzt das Vorliegen einer denkmalschutzrechtlichen Genehmigung voraus. Mit dem Antrag sind diverse Unterlagen einzureichen. Nachgewiesen werden muss eine gesicherte Finanzierung. Nach Möglichkeit sollen lokale bzw. regionale Firmen mit der Ausführung beauftragt werden.

Causales: Wie und in welchem Rahmen war die Objekterhaltung und Förderung möglich, bevor der anonyme Mäzen in Erscheinung trat? Wurde in diesem Zusammenhang auch mit Sponsoren kooperiert?

Paulick: Görlitz kam nach 1990 in den Genuss von erheblichen Zuwendungen aus Bundes- und Landesfördermitteln, hinzu kommen Investitionen privater Eigentümer in Größenordnungen.  Dafür sind wir sehr dankbar. Der Sanierungsfortschritt ist deutlich sichtbar und schreitet  -wenngleich auch langsamer als in den 1990er Jahren – aber doch weiter voran. Auch für die neue EFRE-Förderperiode hat die Stadt Mittel für Projekte beantragt und bewilligt bekommen.
Auf das bisher Erreichte können wir wirklich stolz sein.

Causales: Dank der Zahlungen des Spenders müsste es Görlitz möglich sein, eigene Ausgaben im Bereich der Denkmalpflege einzusparen. Worauf verwendet die Stadt diese durch die Spenden freigewordenen Gelder?

Paulick: Bei dem Geld der Altstadtstiftung handelt es sich nicht um Ersatzdeckungsmittel. Die Mittel sind gewissermaßen ein zusätzliches Bonbon, sie können andere Förderungen ergänzen, werden jedoch niemals ausschließliche Finanzierungsquelle sein. D.h., mitunter braucht ein Investor ein Betrag x, um einen höheren Kredit für Maßnahmen am Denkmal zu erlangen. Dann kann die Zuwendung zur Aufstockung der Eigenmittel eingesetzt werden. Mal ist es nur ein Detail, dessen Restaurierung gefördert wird. Nicht zuletzt aufgrund des nach wie vor vorhandenen Sanierungsbedarfs kann man deshalb nicht von freiwerdenden Mitteln sprechen.
Wir wissen jedoch um den positiven Effekt dieser Stiftungsmittel. Ein Euro aus der Altstadtstiftung bewirkt das Drei- bis Vierfache an Investitionen.

Causales: Görlitz hatte sich als Kulturhauptstadt des Jahres 2010 beworben, konnte sich jedoch nicht gegen Essen durchsetzen. Dennoch war dieser Schritt für die Entwicklung der Stadt, nach Innen ebenso wie nach Außen, wichtig. Wie und mit welchen Maßnahmen gedenken Sie die Vision einer deutsch-polnischen Europastadt Görlitz-Zgorzelec mit einem neuen städtischen Bewusstsein und einem eigenständigen Profil weiterzuverfolgen?

Paulick: Die Stadt Görlitz hat im Bewerbungsverfahren viele Erfahrungen sammeln können, die sie nun beispielsweise an die polnische Stadt Breslau weitergeben möchte, welche sich um die Ausrichtung der Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2016 bewerben möchte. Der Stadtrat der Großen Kreisstadt Görlitz hat Ende April den Beschluss gefasst, die Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien zunächst ideell und bei Erfolg auch bei der Umsetzung gemeinsamer Projekte zu unterstützen.
Gewonnen haben wir durch die Bewerbung in jedem Fall europaweit an Bekanntheit, das spüren wir noch heute. Es war ein Novum, dass eine deutsche Stadt gemeinsam mit ihrer polnischen Nachbar- und Partnerstadt ins Rennen ging: der Doppelstandort mit rund 100.000 Einwohnern gegen Essen und das Ruhrgebiet – quasi David gegen Goliath. Das hat für Aufsehen gesorgt, wurde wahrgenommen und brachte viel Anerkennung.

Doch das Zusammenwachsen unserer Städte war nicht abhängig von der Kulturhauptstadt-Bewerbung. Bereits 1998 haben die Görlitzer und Zgorzelecer Stadträte gemeinsam die Europastadt Görlitz/Zgorzelec proklamiert mit dem Ziel, sich zu einer Stadt in zwei Nationen zu entwickeln. Das deutsch-polnische Miteinander ist längst Alltag und spiegelt sich auf allen Ebenen wieder. Die Kontakte zwischen den Verwaltungen sind eng, es gibt gemeinsame Arbeitsgruppen, die sich über alle Belange austauschen. Im vergangenen Jahr wurde eine gemeinsame Stadtentwicklungsstrategie formuliert, die nun schrittweise umgesetzt wird. 
Vereine und Initiativen sind grenzüberschreitend aktiv, kaum eine Veranstaltung findet ohne den jeweiligen Nachbarn statt. Das größte Stadtfest am letzten Augustwochenende (in Görlitz Altstadt- und in Zgorzelec Jacubyfest) wird ebenfalls gemeinsam gefeiert. Das Festgebiet erstreckt sich beiderseits der Neiße.
Und es sind vor allem praktische Beispiele, wie die grenzüberschreitende Buslinie oder die Kindergärten, in denen deutsche und polnische Kinder gemeinsam betreut werden, Görlitzer Grundschulen bieten Polnischunterricht an und kooperieren mit Einrichtungen in Zgorzelec sowie die Wiedererrichtung der Altstadtbrücke, welche unsere Zusammenarbeit lebendig machen. Davon profitieren in erster Linie die Bürger.
In der Kürze der Zeit haben wir vergleichsweise viel erreicht, das konnte ich bei Besuchen im Saarland oder anderen Grenzregionen im Vergleich durchaus feststellen.

Causales: Im Bewerbungsprozess gewann Görlitz national wie international an Status, den Sie halten und ausbauen wollen. Wie wird Ihnen das gelingen?

Paulick: Wir sind ja nach der Entscheidung nicht in ein tiefes Loch gefallen, sondern haben uns auf unsere Kräfte besonnen. Görlitz kann mit einer reichhaltigen Kultur- und Bildungslandschaft sowie einem sehr aktiven Vereinswesen und engagierten Bürgern punkten. Wir haben gar keine Zeit, dieser Bewerbung nachzutrauern, denn vor uns liegen neue Herausforderungen. Der Freistaat Sachsen richtet 2011 die 3. Sächsische Landesausstellung in Görlitz aus. Dazu sind wir gefordert, die erforderliche Infrastruktur bereitzustellen. Derzeit werden eigens dafür unsere wichtigsten Museumsgebäude – der Kaisertrutz und das Barockhaus Neißstraße 30 – saniert. Sie werden die zentralen Ausstellungsgebäude bilden. Im Mittelpunkt wird die mittelalterliche Handelsstraße „via regia“ stehen, der Görlitz Blüte und Reichtum verdankt. Umrahmt von einem umfangreichen Begleitprogramm soll die Ausstellung Besucher aus dem Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien nach Görlitz führen. Darauf bereitet sich Görlitz vor, um eine gute und liebenswürdige Gastgeberin zu sein.

Zum anderen haben wir in den letzten drei Jahren die Anstrengungen hinsichtlich unseres Stadtmarketings erheblich verstärkt. Neben den Großplakaten, die u. a. in Hamburg und Berlin platziert waren, haben wir mit diversen Beilagen in großen deutschen Tageszeitungen den Standort mit all seinen Facetten vorgestellt.
Unsere mit Wirtschaftsförderung und Tourismuswerbung beauftragte städtische Gesellschaft, die Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH, ist sehr aktiv in punkto Standortwerbung. Und der Erfolg dieser Bemühungen ist inzwischen auch sichtbar. Im Gegensatz zum sächsischen Trend konnte Görlitz im Jahr 2009 einen zweistelligen Zuwachs bei den Übernachtungszahlen erreichen.
Der Tourismus bildet auch künftig ein wichtiges Standbein. Ich bin zuversichtlich, dass der im Süden unserer Stadt entstehende Berzdorfer See eine wunderbare Ergänzung zu den steinernen Zeugnissen der Architekturgeschichte und den rund 4.000 Einzeldenkmälern bildet und somit die Anziehungskraft unserer Stadt weiter steigert.

Causales: Inwieweit sollen konkret einzelne im Rahmen des Bewerbungsverfahrens erarbeitete Konzept- und Programmelemente weiterverfolgt werden und welcher Anteil an der Umsetzung verdankt sich der „Altstadtmillion“?

Paulick: Wir haben Ideen aus der Bewerbung beispielsweise mit aktuellen Ereignissen verbunden. So haben im vergangenen Jahr zehn junge Künstler aus Städten entlang der via regia an einem Workshop unter dem Titel „Hidden Places“ teilgenommen. Sie haben sich mit der kulturellen Bedeutung der mittelalterlichen Handelsstraße im Kontext europäischer urbaner Kultur auseinandergesetzt. Entstanden sind daraus Videokunst- und Fotoarbeiten, die nun als Kunstausstellung „Hidden Places – Verborgene Orte entlang der Via Regia“ in unterschiedlichen europäischen Städten gezeigt werden. Im Juni war Görlitz/Zgorzelec damit bei der RUHR.2010 in Essen präsent.
Die „Altstadtmillion“ spielt in diesem Kontext keine Rolle.

Causales: Herr Paulick, unter den Voraussetzungen eines offenbar schon seit längerer Zeit fokussierten Imagegewinns der Stadt Görlitz verwundert es, dass abgesehen von Plakatwerbung für den Görlitzer Weihnachtsmarkt offenbar nie in Citymarketing investiert wurde – zumal dies angesichts der finanziellen Entlastung durch den Spender doch hätte möglich sein können. Weshalb?

Paulick: Stadtmarketing ist kein Stiftungszweck der „Altstadtstiftung“. Doch auch die Geschichte über die Görlitzer Millionenspenderin/ den Görlitzer Millionenspender wirbt für unsere Stadt und bringt jedes Jahr aufs Neue positive Schlagzeilen.
Vor meiner Amtszeit waren die Prioritäten möglicherweise anders gesetzt, der Schwerpunkt lag hier weniger auf der Außenwirkung. Dass wir nun die Stadt aktiv bewerben, hängt unter anderem mit den im Jahr 2008 veränderten Strukturen zusammen. Wir haben damals die Aufgabe Wirtschaftsförderung aus der Verwaltung ausgegliedert und an die städtische Gesellschaft übertragen, welche die Tourismusinformation betreibt. Mit einem entsprechenden Budget ausgestattet, ist die Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH nun zuständig für Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing und Tourismuswerbung. Neben Messeauftritten und der Organisation von Pressereisen hat die Gesellschaft eine Vielzahl an Anzeigen in Printmedien initiiert.

Causales: Anfang diesen Jahres drohte der Spender, den Geldfluss zu stoppen, sollte die Denkmalschutzbehörde an den Landkreis abgetreten werden, da er/sie fürchtete, das Geld würde nicht mehr den angedachten Zweck erreichen. Dies zeugt von großer Sensibilität des Mäzens, aber inwieweit wird er/sie über der Öffentlichkeit vorenthaltene stadtpolitische Diskussionen und Vorhaben unterrichtet?

Paulick: Sie haben es selbst so formuliert – es zeugt von großer Sensibilität. Die Spenderin/ der Spender hat in den Medien Kenntnis von der Diskussion um die Abgabe der Unteren Denkmalschutzbehörde an den Landkreis Görlitz erlangt. Leider hat insbesondere die lokale Tageszeitung das Thema unsensibel behandelt. Das lag weder in unserem, noch im Interesse unserer Gönnerin/ unseres Gönners, wie der beauftragte Rechtsanwalt uns bestätigte. Zum Ausdruck sollte vielmehr die Zufriedenheit mit der Arbeit der Altstadtstiftung kommen, welche die Mittel verwaltet und über deren Einsatz wacht.

Causales: Letztlich verfügt der Mäzen mittels seiner großzügigen Spenden auch über eine gewisse, zumindest passive, Macht. Dies zeigt sich schließlich auch in der Diskussion um die Verlagerung der Denkmalschutzbehörde. Wie fällt Ihre Einschätzung diesbezüglich aus, inwieweit nimmt der Spender damit Einfluss auf politische Entscheidung bzw. in welchem Ausmaß könnte er das tun?

Paulick: Das sehe ich nicht so. Nein, die Spenderin/ der Spender mischt sich keineswegs in die Kommunalpolitik ein. Aber natürlich verfolgt sie/ er sehr aufmerksam das Geschehen. Und er hat nichts anderes als seine Zufriedenheit über die Arbeit der Stiftung und die Betreuung durch die Untere Denkmalschutzbehörde zum Ausdruck gebracht. Es solle alles so bleiben wie bisher. Das halte ich für mehr als legitim.

Causales: Herr Paulick, vermögen Sie, kurz das Szenario zu umreißen, das sich einstellen würde, wenn der Spender seine jährlichen Zahlungen tatsächlich einstellen würde?

Paulick: Da uns nicht bekannt ist, wie lange diese wunderbare Quelle sprudelt, müssen wir immer damit rechnen, dass sie zum Erliegen kommt. Die Spende ist keine Selbstverständlichkeit, das möchte ich noch einmal ausdrücklich sagen. Noch immer bedeutet dies eine Besonderheit, die uns ausgesprochen glücklich macht und in die Lage versetzt, Eigentümer bei der Erhaltung und Pflege ihrer Denkmale zu unterstützen. Insofern sind wir zutiefst dankbar für diesen Segen und hoffen, dass er noch lange anhält.

Causales: Herr Paulick, vielen Dank für das Interview.

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