

Die Migros ist nicht nur der größte Einzelhändler und private Arbeitgeber der Schweiz, sondern auch einer der namhaftesten privater Förderer in den Bereichen Kultur Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. Geregelt ist dieses Engagement der Migros in der wohl einzigartigen Form des „Kulturprozent“, das in den Statuten des Migros-Genossenschafts-Bundes verankert ist und diesen sowie die einzelnen Genossenschaften auf die Unterstützung von Kultur und Gesellschaft verpflichtet. Das von dem Migros-Begründer Gottlieb Duttweiler initiierte „Kulturprozent“ wird auf der Grundlage des Umsatzes berechnet und ist neben dem kommerziellen Erfolg gleichberechtigtes Unternehmensziel des Schweizer Einzelhändlers. Mit dem Migros-Kulturprozent soll der breiten Bevölkerung der Zugang zu Bildung, kulturellen und sozialen Angeboten ermöglicht werden.
In diesem Sinne engagiert sich die Migros seit mehr als 50 Jahren über Institutionen, Projekte und Aktivitäten – im Jahr 2009 mit über 114 Millionen Schweizer Franken. Hedy Graber ist verantwortlich für den Teilbereich Kultur und Soziales des Migros-Kulturprozent.
Causales: Sehr geehrte Frau Graber, die Migros ist mit dem Migros-Kulturprozent vertraglich auf die Förderung festgelegt. Würden Sie den Antrieb und Idee hinter diesem Engagement jenseits der Verpflichtung darauf nochmals konkret formulieren?
Graber: Das Migros-Kulturprozent ist ein freiwilliges Engagement der Migros in den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. Mit seinen Institutionen, Projekten und Aktivitäten ermöglicht es einer aktiven und interessierten Bevölkerung Zugang zu kulturellen und sozialen Leistungen in ihrem jeweiligen Nah- und Lebensraum. Tragende Säulen des Migros-Kulturprozent sind die Klubschule Migros, die Eurocentres, das GDI Gottlieb Duttweiler Institute in Rüschlikon, die vier «Parks im Grünen», die Monte-Generoso-Bahn im Tessin und das migros museum für gegenwartskunst in Zürich. Vielseitige Aktivitäten und Projekte bilden einen weiteren Bestandteil des Engagements.
Causales: Über welche Einrichtungen und Strukturen ist im speziellen die Kulturförderung als Teil des Migros-Kulturprozent organisiert?
Graber: Die Direktion Kultur und Soziales ist verantwortlich für die nationalen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent in den Bereichen Kultur und Gesellschaft. Regionale Aktivitäten werden von den zehn Genossenschaften unterstützt. Auf nationaler Ebene realisieren wir eigene Projekte, unterstützen Projekte mit Finanzierungsbeiträgen und führen seit über 40 Jahren Talentwettbewerbe durch. Mit dem migros museum für gegenwartskunst betreiben wir eine Institution in Zürich, die Ausstellungen internationaler zeitgenössischer Gegenwartskunst zeigt und über eine eigene Sammlung verfügt. Des Weiteren konzipieren und realisieren wir alle zwei Jahre das internationale Tanzfestival Steps. Mit den „Migros-Kulturprozent-Classics“ sind wir die einzigen Veranstalter von internationalen Orchestertourneen in der Schweiz. Unser Pop-Musikfestival „m4music“ setzt Maßstäbe im Bereich Popmusik, Label- und Nachwuchsförderung.
Causales: Über das Migros-Kulturprozent werden die Bereiche Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft gefördert. Nach welcher Maßgabe erfolgt die Verteilung der Fördersumme auf die einzelnen Bereiche?
Graber: Wie bereits erwähnt wird das Migros-Kulturprozent auf der Grundlage des Umsatzes berechnet und ist in den Statuten der Migros verankert. Rund die Hälfte des jährlichen Budgets wird historisch gewachsen in den Bereich Bildung investiert. Bildung für alle ist seit Anbeginn eines der wichtigsten Handlungsfelder des Migros-Kulturprozent. Es leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Förderung persönlicher und beruflicher Entwicklung. Die Klubschule Migros ist die größte private Weiterbildungsinstitution in der Schweiz und begrüßt an seinen 50 Standorten jährlich rund 500‘000 Teilnehmer. Und mit den 30 Sprachschulen der Eurocentres bieten wir Fremdsprachenaufenthalte in 15 Ländern an.
Gut ein Viertel der Fördersumme wird wie in der vorherigen Antwort ausgeführt für kulturelle Leistungen verwendet und das andere Viertel steht für die Bereiche Gesellschaft, Freizeit und Wirtschaft zur Verfügung. Die Verteilung wie auch die Verwendung der Fördergelder unterliegen der strategischen Ausrichtung des Migros-Kulturprozent, welche laufend überprüft und weiterentwickelt wird.
Causales: Mit dem Migros-Kulturprozent werden sowohl fremde Projekte unterstützt als auch eigene verwirklicht. Welche Gewichtung liegt hier vor?
Graber: Mit unseren eigenen Projekten schließen wir Lücken und setzen Impulse in der Schweizer Förderlandschaft. Bei der Unterstützung von fremden Projekten achten wir darauf, dass sie eine nationale Ausstrahlung haben und über eine hohe Qualität verfügen. Auf nationaler Ebene sehen wir vom „Gießkannenprinzip“ ab und fördern lieber wenige Projekte mit substantiellen Mitteln als zahlreiche Projekte mit kleinen Beiträgen. Alle von uns realisierten oder geförderten Projekte entsprechen den Werten Innovation, Partizipation, Qualität und gesellschaftliche Relevanz, von denen das kulturelle und soziale Engagement des Migros-Kulturprozent getragen wird.
Die Genossenschaften halten es direkt umgekehrt und verteilen ihre Unterstützungsleistungen bewusst breit nach dem "Giesskannenprinzip", um grossmöglichst die kulturelle Vielfalt der verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen im Genossenschaftsgebiet zu fördern.
Causales: In den letzten fünf Jahrzehnten sind die durch das Migros-Kulturprozent gewährleisteten Aktivitäten stetig gewachsen. Sie überprüfen deren Wirkung regelmäßig. Wie gestaltet sich diese Wirkungsüberprüfung und welche Ergebnisse haben Sie gewonnen?
Graber: In den von mir verantworteten Bereichen Kultur und Gesellschaft haben wir für unsere Projekte eine Strategie etabliert, die Ziele, Wirkung und Maßnahmen klar definiert. Mit Wirkungsindikatoren überprüfen wir regelmäßig die Zielerreichung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir nicht ausschließlich auf quantitative Ergebnisse fokussieren, sondern auch die qualitative Wirkung unserer Projekte evaluieren. Vor allem diese Erkenntnisse sind wertvoll für die inhaltliche Weiterentwicklung unserer Projekte.
Causales: Wie steht es um die Marketing- und PR-Maßnahmen zu den geförderten Projekten: Speist sich deren Finanzierung bereits aus dem Migros-Kulturprozent oder steht hierfür zusätzliches Geld zur Verfügung?
Graber: Die Kommunikation ist ein integrierter Teil unserer Projekte. Wir achten sehr darauf, welche Zielgruppen wir mit welchen PR- und Marketingaktivitäten erreichen können, verzichten auf flächendeckende Kommunikationsmaßnahmen und erzielen auf diese Weise kostengünstig und effizient die gewünschten Resultate.
Causales: Das Engagement in den Bereichen Kultur und Gesellschaft ist ein festverankerter Bestandteil der Unternehmenspraxis bei Migros. Wie sieht es im Denken der Mitarbeiter von Migros aus: Ist die Bedeutung und Relevanz dieses Engagements bewusst und anerkannt?
Graber: Die gesellschaftliche Verantwortung gegen innen wie außen ist fest in der DNA der Migros verankert und wird täglich gelebt. Der Migros Gründer Gottlieb Duttweiler schätzte das „soziale Kapital“ höher ein als das wirtschaftliche und postulierte 1950: „Wir müssen wachsender eigener materieller Macht stets noch größere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen.“
Im Gegensatz zu früher haben sich die Kommunikationskanäle vereinfacht. Die Mitarbeitenden der Migros werden über verschiedene Informationskanäle über die vielseitigen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent informiert. Sie sind ein wichtiger Teil des Publikums unserer Projekte im Bereich Kultur und Gesellschaft und ebenso wichtige Multiplikatoren gegen außen. Wir genießen bei den Mitarbeitenden eine große Sympathie für unsere Leistungen und Engagements. Natürlich wird die Bedeutung und Relevanz des Migros-Kulturprozent nach innen und nach außen immer wieder kontrovers thematisiert – aber genau das macht es ja so spannend.
Causales: Ergibt sich aus der Unterstützung der zahlreichen gesellschaftlich relevanten Gebiete ein konkreter Nutzen für Migros, etwa als Marketinginstrument? Wird überhaupt in diesen Kategorien eines Nutzens aus dem kulturellen Engagement gedacht oder spielt dies keine Rolle, da die Bereiche gesellschaftliches Engagement und kommerzieller Erfolg weitgehend unabhängig voneinander bestehen und praktiziert werden?
Graber: Das Migros-Kulturprozent ist ein eigenständiger Unternehmenszweck und hat in erster Linie zum Ziel, in der Schweizer Gesellschaft einen Mehrwert zu stiften. Die strategischen Ziele des Migros-Kulturprozent oder die Auswahl der einzelnen Aktivitäten werden nicht daran ausgelegt, die Migros als Unternehmung möglichst gut im Rampenlicht aussehen zu lassen. In diesem Sinne besteht kein direkter Zusammenhang zwischen den Einzelhandelszielen und dem Migros-Kulturprozent. Unbestritten ist jedoch, dass das Migros-Kulturprozent ein Sympathieträger für die Migros ist. Zudem wurde die Migros 2009 mit der Auszeichnung zum "Responsible Retailer of the Year" an den World Retail Awards 09 ausgezeichnet. Verantwortungsvolle Unternehmensführung ist das Hauptkriterium, nach welchem der Preis „Responsible Retailer of the Year“ verliehen wurde. Seit 1957 fliesst jährlich ein Beitrag des Unternehmensumsatzes an das Migros-Kulturprozent. Gemäss der Jury des World Retail Awards gibt es derzeit keinen anderen Einzelhändler, der sich dem Grundsatz der verantwortungsvollen Unternehmensführung langfristig so konsequent und effektiv verpflichtet hat wie die Migros.
Causales: Ein Teil des Geldes aus dem Migros-Kulturprozent fließt auch in die Förderung der Wirtschaft. Im Vergleich zu Kultur oder Bildung erscheint dieser Bereich sehr viel weniger förderbedürftig und seine Förderung daher in der Reihe mit den anderen Gebieten auch schwerer zu legitimieren. Weshalb Wirtschaftsförderung und wie gestaltet sich diese konkret?
Graber: Als Leiterin der Direktion Kultur und Soziales ist der Bereich Wirtschaft nicht in meinem Kompetenzbereich. Was ich aber grundsätzlich sagen kann ist, dass wir mit dem Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) einen laufenden Diskurs über relevante wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends führen. Der international anerkannte Think Tank erforscht Megatrends und Gegentrends, und dokumentiert die Erkenntnisse in diversen Publikationen.
Causales: Die Migros versteht sich selbst als Impulsgeber. In gewisser Weise bedeutet dies Einflussnahme statt reiner Unterstützung und damit den (ideellen wie finanziellen) Eingriff in beispielsweise die kulturelle Sphäre. Wie rechtfertigt die Migros dies?
Graber: Das Schweizer Kulturschaffen wird von der öffentlichen Hand und von privaten Finanzierern auf unterschiedliche Art und Weise gefördert. Die Direktion Kultur und Soziales des Migros-Kulturprozent übernimmt dort die Rolle des Impulsgebers, wo entsprechende Fördermaßnahmen fehlen. So haben wir sehr früh (1988 erste Ausgabe von Steps) auf die Förderung des zeitgenössischen Tanzes gesetzt. Die Etablierung einer eigenen Fachabteilung für Pop und Neue Medien vor über zehn Jahren führte dazu, dass wir auf diesen Gebieten früh Initiativen (zum Beispiel die Kulturbüros) ergriffen haben, die sich im Nachhinein als wegweisend herausgestellt haben. Im Filmbereich sind wir die einzigen Förderer im Bereich Postproduktion. Neu setzen wir bei den Finanzierungsbeiträgen einen Schwerpunkt mit der Förderung von Comics. Dabei gilt es immer, den Bedürfnissen der Kulturschaffenden und des Publikums Rechnung zu tragen. Auf dieser Basis entwickeln wir unsere Projekte laufend weiter.
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